Review

Jazz-Orchester Prokopätz
Heiner-Müller-Forum
Wilde Mischung  : "Prokopätz" in Virnsberg
Konzert in Ansbach
„Jazz-Maschine“: Kommunikation musikalisch
Brecht-Sommer
Manuel Brug und Katharina Klas im Tagesspiegel

Jazz-Orchester Prokopätz

RLK

junge welt, 08.01.05
Wochenendbeilage zur Rosa-Luxemburg-Konferenz 2005

Es ist verboten, das von Hans Zerbe geleitete Jazzorchester Prokopätz eine Big Band zu nennen, obwohl es eine ist. Das Verbot ist eine Arrangementfrage, die gewöhnliche Strenge jedes Bläsersatzes zertuten die Prokopätzisten in feiner freier Improvisation. Jazz macht Arbeit, mit zwanzig Musikern einen ganzen Sack voll. Die hohe Schule des freien Spiels verlangt unbedingte Meisterschaft und blindes Verständnis für die vielen Partner. Und sie spielen richtig harten Stoff. In der schönen Tradition Hanns Eislers, der großen Spaß daran hatte, Trompeter in den Wahnsinn zu schreiben, atmen sie das zwanzigste Jahrhundert ein und sehr eigen wieder aus. Sie nehmen einen Kurt Weill und stellen ihn mit Eislers zwölf Tönen richtig. Und immer lachen sie über die eigenen Hörner. Spiel mir ein kleines Arbeiterkampflied, die Revolution ist eine ernste Sache, der freie Marsch heißt stolpern, die alten Genossen dürfen jetzt wackeln und hüpfen. Zerbe komponiert selbst und bedient neben den Tasten das Publikum mit den Regeln der Freiheit: Strukturen aufbauen und kaputthauen.
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Heiner-Müller-Forum, HERZSTÜCK

Auf Einladung der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft war das Jazzorchester PROKOPÄTZ anlässlich des 75 Geburtstages von Heiner Müller am 9. Januar 2004 an einem Zug vom Alexanderplatz zur Akademie der Künste aktiv beteiligt. Theaterstudenten der UdK, der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und dem Institut für Theaterwissenschaften an der Uni Leipzig führten den Müllertext "Herzstück" in verschiedenen Varianten auf, wobei PROKOPÄTZ musikalische Power-Unterstützung gab. Die Stationen des Zuges waren Alexanderplatz, Rotes Rathaus, Gendarmenmarkt und Brandenburger Tor; den Abschluß vor zahlreichen, interessierten Zuhörern bildete ein Konzert im Foyer der Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg. EXPLOSION OF MEMORY, Berlin 01/2004


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Wilde Mischung: Prokopätz in Virnsberg

Manchmal passt einfach alles, so wie am Sonntagmorgen im Burghof des Schlosses: Die Musik, der Ort, die Stimmung. Allerdings war das Risiko für die Veranstalter vom "Speckdrumm" ein kalkulierbares, denn mit dem Jazzorchester "Prokopätz" hatten sie keine Unbekannten geladen. Schon voriges Jahr war das Kreuzberger Ensemble in Franken zu Gast und begeisterte seine Zuhörer.

Eine willkommene Wiederholungstat also, die den angereisten Musik-Gourmets erneut gemundet haben dürfte. Denn auch dieses Jahr präsentierte die 18-köpfige Big Band ausgewählte Finessen.

Ein Menü, serviert mit viel Kreativität, Spiel-und Experimentierfreude sowie einem deutlich hörbaren Quäntchen Humor. Quirlig, temperamentvoll und immer überraschend, trotz vorgespannten Notenblattes ständig der Improvisation verdächtig, spielte sich die Formation durch vielfältige Big-Band-Variationen fernab eines glatten Glenn-Miller-Sounds - der natürlich auch nicht ohne eigenen Charme ist.

Da gab es durchaus zwölftönige Anklänge, da gab es hingebungsvolles Schwofen im Stil der Sixties, da gab es vertonte Rocksongs wie Lovin' Spoonfuls "Summer in the City" und extra für das Orchester neue arrangierte Nummern wie "Uskew" (Und sagte kein einziges Wort), frei nach Heinrich Böll, ein Standard der Jazz-Szene von Hannes Zerbe selbst komponiert und arrangiert. So wie die meisten der im Set gespielten Stücke.

Daneben einige Interpretationen nach Willem Breuker, dem bedeutenden niederländischen Komponisten aus Amsterdam, berühmt durch seine Verschmelzung von Volks- und Popmusik mit Elementen des Jazz sowie die Vertonung von Brechts "Baal". Zerbes Hommage an den Kollegen kann sich hören lassen.

Als Bandleader hält er das Zepter fest in der Hand, doch nicht autoritär, denn neben dem Dirigieren, das er nur manchmal für nötig hält, bedient er virtuos die Keyboards. Solche Lässigkeit ist bei einer gut aufeinander eingespielten Formation wie "Prokopätz" kein Wagnis, weiß doch jedes Mitglied wo sein Platz und wann sein Solo gefragt ist. Viele Bläser kommen zu Wort, allen voran das Saxophon, doch auch die Mundharmonika darf ihre Solo-Fähigkeiten unter Beweis stellen ebenso wie eine vereinzelte Gitarre.

Mit von der Partie ist als Gast-Musiker auch das Speckdrumm-Mitglied Horst Pauli, der schon in den Tagen zuvor mit seinen Freunden daheim gejammt hat. Kein Wunder, dass es hier kein Fremdeln, keine Verkrampftheit, keine Allüren gibt, denn "Prokopätz" liefern sich schon fast ein Heimspiel - auf hohem Niveau versteht sich. Etwas für Feinschmecker eben.

Martina Kramer: Fränkische Landeszeitung, 08.07.2003

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Konzert in Ansbach

ANSBACH - Alles da! Drei fette Bläsersätze, die Rhythmussektion sogar mit E-Gitarre neben Stehbass und Drums, am Piano der Dirigent: Hannes Zerbe. Unisono, mit allem Blech und Holz, swingt das 18-köpfige Groß-Ensemble in eine groovende Komposition. Die Füße geraten ins Wippen, aber der Verstand lauert in Hab-Acht-Stellung. Zu überdreht und zu verwirrend in der Mixtur der stilistischen Zutaten kommt dieses Swing-Orchester daher. Da passiert es: Die sonst gediegen über das Thema improvisierte Solo-Einlage des Saxophonisten bricht durch in die frei improvisierte Spielart des Jazz - und die Formation folgt. Ein musikalischer Weggefährte Zerbes zeichnet verantwortlich für den rasanten Ritt durch Stile und Tempi: Willem Breuker, holländischer Avantgardist des modernen Musiktheaters. Jazz ist das Rückgrat der Stücke im ersten Teil dieses fulminanten Abends. "Sister Sadie" von Horace Silver fordert die Drum/Bass-Sektion mit funkigen Rhytmen, der Trompetensatz liefert sich mit den Saxofonen und Posaunen eine heiße Schlacht um die erdigere, heißere Inbrunst der Soul-Jazz-Feelings. Charmant bringt nicht nur die Buntgemischte Truppe mit Frauen an Posaune, Horn, Trompete, Saxofon und Gitarre, sondern auch der Leiter seine musikalische Auffassung unter das Volk. .........

Die Formation hat sichtlich Spaß und hörbar glänzend aufeinander ab- und eingestimmt. Einsätze kommen präzise, Improvisationen haben Substanz, Bigband und Leader kooperieren fein miteinander. ........

Bei den Eigenkompositionen Hannes Zerbes wird sein musikalisches Credo noch einmal besonders deutlich. In „König Kacke“, einer Theatermusik, aus der Teile vorgestellt werden, geht es zünftig zu. Stramme bayrische Blasmusik im Walzertakt kippt plötzlich weg, als ob der braune Gerstensaft die komplette Kapelle zur selben Zeit in Richtung Rausch geschickt hätte. Nachdem alles in seine Einzeltöne zerlegt ist, kann neu zusammengebaut werden – da isser wieder der Walzer.

„Choral für Ramsey“ und „Einspruch“ spielen augenzwinkernd mit Versatzstücken von Posaunenchor bis Krimi-Musik.

Ein lustiger und launiger Abend mit einem Parforce-Ritt quer durch die Musikliteratur des
20. Jahrhunderts. Ein Genuß für den Kenner.

Herbert Jugel-Kosmalla in FLZ, gekürzt

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„Jazz-Maschine“: Kommunikation musikalisch

In der Langen Nacht der Museen am 27. Januar 2001 stellte das MK Berlin das Thema Kommunikation in einen musikalischen Zusammenhang: Als futuristische Collage aus Klang, Raum und Kommunikation inszenierte das Jazz-Orchester Prokopätz unter der Leitung von Hannes Zerbe jeweils um 20, 20.45, 21.30, 22.15 und 23 Uhr die „Jazz-Maschine“. Ab Mitternacht war die 18-köpfige Big Band mit Improvisationen über Kompositionen u.a. von Kurt Weill, Willem Breuker und Hannes Zerbe zu hören.

Museumsstiftung-Depesche, gekürzt

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Brecht-Sommer

Die Maschine stampft und rattert, Zahnräder greifen ineinander, die Phonstärke ist beträchtlich. Und das alles in der gemütlichen Enge der Junction-Bar. Es ist der traditionelle Big-Band-Monday und die Band, die hier die russische Avantgardekomposition „Maschinenmusik" interpretiert, unterscheidet sich erheblich vom Swingorchester, das man für gewöhnlich mit dem Begriff der BigBand assoziiert.

Das ist nicht zuletzt das Verdienst von Hannes Zerbe, der vor fünf Jahren die künstlerische Leitung von Prokopätz übernahm. Zerbe liegt daran, im gemeinschaftlichen Prozess ein individuelles Programm zu erarbeiten. Dieses beinhaltet neben Arrangements der Bandmitglieder, oder Zerbe-Bearbeitungen von Klassikern wie „Summer in the City" einen weiteren Schwerpunkt in Hannes Zerbes bisheriger Tätigkeit mit Institutionen wie seiner Blechband, die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe der politischen Avantgarde, speziell dem Werk Brechts. Während das Brecht-Jahr neben einigen qualifizierten Wortmeldungen vor allem dafür genutzt wurde, den unbequemen Dichter ähnlich wie kurz vorher Che Guevara als Popstar neu zu verkaufen - und damit ideologisch zu entsorgen - kann Zerbe diesem Bild durchaus etwas entgegensetzen.

„Diese Musik und diese Sprache (von Brecht/Eisler) ist für mich ein künstlerischer Genuss", sagt Zerbe. „Aber sie ist auch nicht von ihrem gesellschaftlichen Gehalt zu trennen. Ich empfinde es als großen Verdienst dieser beiden, dass sie in den zwanziger und dreißiger Jahren so engagiert waren. Das war ganz gewiß alles andere als ein lukratives Geschäft." Auch ist Prokopätz beileibe kein profitorientiertes Unternehmen. Das tut der Qualität ihrer Auftritte keinen Abbruch. Auch nicht dem Niveau der improvisatorischen Leistungen, die in Zerbes Brecht- und übrigens auch Heiner-Müller-Bearbeitungen ebenso wie in den Kompositionen des holländischen Anarcho-Jazzers und Zerbe-Freundes Willem Breuker reichlich Platz finden.

Nicht zuletzt bleibt die Band doch eine Jazzband und steht damit durchaus in der von Zerbe initiierten Tradition: Nicht nur erwärmten sich immer wieder Jazzer von Zorn bis Charlie Haden für das Werk der Exilanten Brecht und Weill, auch Hanns Eisler komponierte mitunter für Jazzbesetzungen, wenn auch nicht mit der Konsequenz, die die Ehe zweier einander eigentlich wesensfremden Widerstands-traditionen nahelegen könnte.

Hört man, wie Prokopätz, gemeinsam mit der Brecht-Interpretin Gina Pietsch, das Gedicht „Orges Wunschliste" in ein unpeinliches Soul-Arrangement kleiden, muß man eingestehen, daß die Band diesen Job spannender, grooviger und - Gnade der späten Geburt - fachkundiger erledigt, als es die Meister wohl zu träumen gewagt hätten. Seismographische Tätigkeit auf dem Sophienstädtischen Friedhof wird, bei allem Respekt, in Kauf genommen.

Eric Mandel, ZITTY Berlin, gekürzt

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Der Tagesspiegel

Superduperweltspitzenklasse!   (Manuel Brug)

Zu einem Jazzgottesdienst hat die Segensgemeinde am Palmsonntag eingeladen und das Jazzorchester Prokopätz aus Kreuzberg übernimmt gleich das Vorspiel. Der geballte Bläsersound versetzt die Holzbänke in Schwingung, was als angenehmes Kitzeln am Rücken zu Spüren ist.   (Katharina Klas)

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